Dirk Schelhorn referiert über Spielen und bewegen im öffentlichen Raum

Dirk Schelhorn referiert derzeit in Bozen zum Thema „Sport und Bewegung im öffentlichen Raum“. Hier das Interview, das er gestern der Zeitung „Z am Sonntag“ gab.

„Sport & Bewegung müssen dorthin, wo sich die Menschen aufhalten“

Ist von Mobilitätskonzepten in Städten oder Dörfern die Rede, geht es selten um die körperliche Mobilität der Einwohner. Ist das ein großes Manko in der Planung?
Dirk Schelhorn: Das ist nicht nur ein großes Manko, das ist ein großes Missverständnis. Wir müssen nämlich die individuelle Mobilität stärken, nicht die abhängige und erzwungene Mobilität. Von erzwungener Mobilität sprechen wir, wenn wir auf Auto oder etwas Motorisiertes außer dem Fahrrad angewiesen sind, um ein ganz bestimmtes Ziel zu erreichen. Die erzwungene Mobilität macht letztendlich die ganze Urbanität Fußgänger-feindlich. Die freiwillige Mobilität wird behindert …

… was es zu ändern gilt, um den urbanen Raum lebenswerter zu machen?
Ja, die Menschen sollen sich wohlfühlen. Und das muss Stadt leisten können. Es gibt immer weniger Bewegung im Alltagsleben der Menschen. Das führt zu vielen Zivilisationskrankheiten – von Diabetes über Depressions- bis hin zu Krebserkrankungen. Bewegung und Sport ist in diesem Zusammenhang präventiv. Insofern kann der öffentliche Raum sehr viel dazu beitragen, dass sich Menschen wohlfühlen und gesund leben können.

Genügend „Sport-, Bewegungs- und Begegnungsräumen im öffentlichen Raum“ (Anm.: Titel der Tagung; siehe Kasten): Ist das eher eine Frage fehlender Flächen, oder eine Frage fehlender Konzepte?
Flächen haben wir genug. Aber wir separieren die Flächen zu sehr – etwa in Gehwege, Fußgängerzonen, Marktplätze, Park- und Spielflächen. Die Flächen sind also beispielsweise ausschließlich dafür da, um von A nach B zu kommen, zu konsumieren oder Sport zu betreiben. Wir bringen die Menschen aber nicht zusammen. Wir müssen den Menschen aber Bewegung und Begegnung als Alltagserfahrungen ermöglichen. Damit ist gemeint, dass die Menschen nicht erst irgendwo hinmüssen, um sich zu bewegen. Parkanlagen, Plätze, Fußwege können durchaus als sogenannte multifunktionale öffentliche Freiräume zu Bewegungs- und Begegnungsstätten werden. Diesbezüglich fehlt es aber an Gesamtkonzepten.

Welche größten Fehler machen Städte und Gemeinden in planerischer Hinsicht?
Wir stoßen hier oft auf das – eben erwähnte – Missverständnis, dass zu sehr separiert wird. Der Stadtplaner sagt: Wir müssen die Flächen prinzipiell ordnen. Der Straßenplaner plant dann seine Straße für den rollenden Verkehr – und für die Fußgänger bleibt eben der Rest übrig. Ganz zum Schluss kommen dann Landschaftsarchitekten wie wir, die sagen: Moment, wir verstehen aber etwas von den Menschen, die zu Fuß gehen. Wenn man das schon im Vorfeld berücksichtigen würde, könnte man viele Fehler vermeiden. Diese Ebene wird häufig zu spät berücksichtigt.

Könnten Sie positive Beispiele von „Bewegungsräumen in öffentlichen Räumen“ nennen?
Pauschal ist das schwierig, weil es von der jeweiligen Gemeinde und den dortigen Flächen abhängt. Aber generell ist es positiv, wenn es Elemente gibt, die das Alltagsleben immer erlebnisfähiger machen. Bei einem öffentlichen Platz muss man sich also fragen, wie man ihn so gestaltet, dass sich Menschen gerne dort aufhalten. Die Menschen bewegen sich am liebsten durch den Raum oder hocken irgendwo, um anderen dabei zuzugucken, was sie machen. Das ist das Prinzip von Akteuren und Voyeuren. Man kann beispielsweise auf einem öffentlichen Platz vor einem Café ein Bodentrampolin errichten. Da gibt es immer Menschen, die das nutzen – etwa Mütter oder Väter mit ihren Kindern, je nach Tageszeit auch Jugendliche. Und jene, die im Café sitzen, können zusehen. Dieses Miteinander ist Begegnung im multifunktionalen Raum. Mit so einfachen Mitteln kann sich das Leben auf einem Platz im Laufe eines Tages immer neu wandeln.

Und wie kann es gelingen, sportliche Aktivitäten im urbanen Raum zu fördern?
Man muss den Sport zu den Menschen bringen und vor allem auch jene unterstützen, die sich zunehmend nicht über einen Verein an bestimmte Termine binden wollen. Wenn etwa Jugendliche die Möglichkeit haben, Fitnessparcours im öffentlichen Bereich zu nutzen, ist das zusätzlich eine Animation für andere Menschen. Die Stadt Hamburg ist da europaweit am konsequentesten. Sie bietet in ihren Parks und Grünanlagen ganz viele Sport- und Bewegungsmöglichkeiten an. Der Grundgedanke dahinter: Sport dort zu betreiben, wo man wohnt. Natürlich braucht es die Leistungssportanlagen für ganz bestimmte Sportarten, die nüchternen Regeln unterworfen sind. Aber der Sport muss auch dorthin, wo sich die Menschen sowieso aufhalten – und in öffentlichen Parkanlagen kann man gut Yoga oder Tai-Chi machen bzw. können sich Laufgruppen treffen. Als Stadt kann man das alles freilich durch entsprechende Gestaltung fördern. Was das Laufen betrifft, etwa durch ausgewiesene Strecken, sogenannte „urban trails“, – mit Entfernungsangaben und nächtlicher Beleuchtung. Es braucht freilich immer ein Gesamtkonzept – einen Masterplan „Spielen und Bewegen“.

Interview: Christoph Höllrigl

Kasten:
Dirk Schelhorn zu Gast bei der Tagung „Sport-, Bewegungs- und Begegnungsräume im öffentlichen Raum“
Der Verband der Sportvereine Südtirols (VSS) hat gestern in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Gemeindenverband zur Tagung „Sport-, Bewegungs- und Begegnungsräume im öffentlichen Raum“ nach Bozen geladen. Hauptreferent war dabei der deutsche Landschaftsarchitekt Dirk Schelhorn, der u.a. Vorstand der deutschen Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung ist. Seine Spezialität sind die Gestaltung öffentlicher Räumen (u.a. Kindergarten- und Schul-Außengelände, Spielplätze usw.).